
„Zwei Freundinnen“, Katrin Hattenhauer, Leipzig Anfang September 1989;
Hängung in der Nikolaikirche am 9.Oktober 2012 (Übergang vom Altar- zum Chorraum);
Auszug aus dem in der Nikolaikirche ausliegenden Text:
Zwei Frauen, Rücken an Rücken, aneinander gedrückt. Sie geben sich gegenseitig Schutz, die Augen weit aufgerissen. Melancholisch und mutig schauen sie aus dem Bild in eine ungewisse Zukunft.
Katrin Hattenhauer malt das Bild Anfang September 1989 kurz vor ihrer Inhaftierung. Es zeigt sie zusammen mit ihrer Freundin. Am 4. September tragen die beiden Frauen mit ihrem Transparent: „Für ein offenes Land mit freien Menschen“ all ihre Träume und Hoffnungen aus der Kirche auf den Nikolaikirchplatz. Weitere Menschen schließen sich zur ersten Montagsdemonstration in Leipzig an, weitere Transparente werden entrollt. Auf dem Platz demonstrieren jetzt etwa zweihundert Menschen. Während die Staatssicherheit den beiden Frauen das Transparent brutal entreißt, gelingt es westlichen Journalisten, den Protest aufzuzeichnen. Die Bilder mit zwei jungen Frauen, die sich die Freiheit herausnehmen und wagen, sie für alle einzufordern, gehen in den Nachrichtensendungen um die Welt und machen vielen Menschen Hoffnung. Der Auftakt zu den großen Demonstrationen, die das ganze Land verändern sollen, ist gemacht.
In der Nikolaikirche kamen die Menschen Montag für Montag zusammen zum Gebet und mit dem Wunsch nach Veränderung im Land. Hier haben die oppositionellen Gruppen die Demonstrationen aus der Kirche nach draußen getragen: „Hier ging ich mit meiner Freundin vor die Kirche mit unserem Transparent: „Für ein offenes Land mit freien Menschen“. Auf dem Bild erkenne ich uns wieder, die Mädchen, die sich ein Herz fassen und wagen, womit niemand gerechnet hat. Und die gerne so tun wollten, als ob das Leben leicht und fröhlich sein könnte und die doch voll Furcht waren vor dem, was kommen mochte. Wir waren jung und wollten die Welt verändern. Und der Mut der Leipziger machte, dass wir nicht mit unserer Zukunft bezahlen mussten.“
Dieses Bild kann in der Nikolaikirche sichtbar und fühlbar machen, wie klein alles begonnen hat. Die Friedliche Revolution hat mit Einzelnen begonnen, die zusammengestanden haben, wie die Mädchen auf dem Bild. Schwarz und grau, Angst, am Anfang wenig Hoffnung und doch bereit, das eigene Leben einzusetzen. Aus dem Bild spricht auch Verzweifelung – niemand weiß, ob es gut ausgeht. Es kann auch alles umsonst sein. Es ist ein Bild, das von Angst und vom Hoffen handelt, noch nicht vom Sieg.
Wenn wir heute über die Friedliche Revolution sprechen, dann dar-über, dass wir gewonnen haben, dass wir frei sind. Dieses Bild handelt vom Weg dahin. Für Christen und Nichtchristen, für die vielen Be- sucher der Nikolaikirche könnte das Bild einen Zugang zu der wesentlichen Botschaft von 1989 eröffnen: Ohne Angst, ohne ihre Überwindung ist Selbstbestimmtheit und Freiheit nicht zu haben.
4. September 1989, Nikolaikirchhof Leipzig
Die wenigen Sekunden auf dem Platz, als das Transparent gut lesbar von vielen freudig begrüßt wird, werden von Journalisten aufgezeichnet, bevor die Staatssicherheit es den beiden brutal entreisst. Diese Momentaufnahme mit zwei jungen Frauen, die sich die Freiheit herausnehmen und wagen, sie für alle einzufordern, geht in den Nachrichtensendungen des Tages um die Welt. Es entlarvte die Diktatur und machte vielen Menschen Hoffnung.
Von jetzt ab kommt es zu immer größeren Demonstrationen, die das ganze Land verändern sollen.
Die Trauer über so viele, die geflohen sind in diesem Sommer, ist groß.
Der Hintergrund, grau-schwarz, trostlos. Die Figuren leuchten. Die Farben in Körpern und Haaren wirken wie ein Sog.
Warum in die Nikolaikirche?
Wo auch immer wir damals in der DDR lebten und arbeiteten war doch die Nikolaikirche der Ort, der für all unsere Bemühungen, Wünsche und Träume zum Symbol wurde.
Warum in die Dauerausstellung des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig?
Mein Bild zeigt das Innere von dem, was die Fernsehaufnahmen des 4. September draußen eingefangen haben. Es ist für mich, als ob ein letztes Puzzleteil seinen Weg zum Ganzen findet und nur mit Blick auf die Gefühle der Akteure, die mein Bild freilegt, wird der Eindruck vom Geschehen vollständig.
Ich möchte, dass junge Menschen sehen und fühlen:
„ohne Titel“, gemalt in Leipzig im Frühjahr 1989

Über das Bild
Das Bild ist im Frühjahr 1989 entstanden. Immer, wenn ich unter Druck stand, auch wenn ich froh war, kurz, immer wenn die Gefühle in mir durcheinander gingen, dann habe ich gemalt. Es war, als würde ich angesichts der äußeren Bedrohung damit wenigstens eine innere Ordnung herstellen können.
Im Hintergrund eine grau schwarze Wand mit wenig Licht, Sternenlicht scheints. Auf der Mauer geschrieben ein Gedicht von Else Lasker Schüler. Ich mag sie. Sie vermag in Worten auszudrücken, was ich, wenn überhaupt, nur malen kann: „Ich will in das Grenzenlos zu mir …“ Diese unbändige Sehnsucht nach Freiheit, von der sie erzählt, hat mir immer gefallen. Es ist auf eine beeindruckende Art und Weise kompromisslos: „…ich suche das Grenzenlose…“ Entweder, oder – so ging es mir damals.
Eigentlich wollte ich einen fröhlichen Harlekin malen, mit bunter Hose, freier Brust, roten Haaren. Einer, der macht, was er für richtig hält. Einer, der die anderen narrt. So wollte ich erzählen von unserem Leben in der Mariannenstraße, von unserer Unabhängigkeit, unserem Aufbegehren, mit der wir das Straßenmusikfestival organisieren wollten – bunt und fröhlich. Das hätte ich gern gemalt.
Als das bild fertig war, knickte ich es längs und quer – es schien nicht gelungen. Was ich damals noch nicht begriff: Das bild erzählte tatsächlich unser wahres Leben und die Wahrheit im Land, auch wenn es wehtat, das zu sehen.
Da sitzt ein Mädchen verkleidet als Harlekin, die Brust ist offen, jederzeit verletzbar. Unter der Harlekinkappe fallen rote Haare wie Blut herunter. Ist sie schon verletzt? Die bunte Hose kann nicht darüber täuschen, dass hier jemand sitzt, der unter der wießen Haut hofft und kämpft mit sich und seiner Umgebung. Der frei sein will. So wie Else Lasker Schüler: Ich suche das Grenzenlose, ich hoffe es zu finden, oder ich will lieber sterben, als ein Leben lang eingesperrt zu sein.
Es wurde mir klar, dass das Bild – wie kaum ein anderes – mein Leben, unser Leben in diesen letzten zwei Jahren vor dem Ende der Diktatur beschreibt.
Warum in der Nikolaikirche II ?
Ich glaube, dass dieses Bild in der Nikolaikirche sichtbar und fühlbar machen kann für die Besucher, wie klein alles begonnen hat. Diese Bewegung hat mit Einzelnen begonnen, wie mit diesem Mädchen auf dem bild, die sich zusammenschlossen und – genau wie Jesus Christus damals – für andere zuerst nur Narren waren. Schwarz und grau, Angst, am Anfang wenig Hoffnung (ein paar Sterne nur) und doch bereit, das persönliche Leben einzusetzen (Bluthaare).
Aus dem Bild spricht auch Verzweifelung – niemand weiß, ob es gut ausgeht. Es kann auch alles umsonst sein. Es ist ein Bild, das von Angst und vom Hoffen handelt, noch nicht vom Sieg.