Eva-Maria Menard

Ein Kreuz im Paradies

„Paradiesstücke“ hat Katrin Hattenhauer ihre Ausstellung in der Zionskirchegenannt. Und paradiesisch schön sind auch ihre Bilder – fröhlich, beschwingtund voller Anmut. Ihre Collagen aus Strick, Acryl, Fundstücken und anderen Materialien bilden bunte Farbtupfer, die dem blättrigen Grau‍der Zionskirche etwas Verspieltes geben.

Mitten in diesem paradiesisch anmutenden Ambiente erhebt sich mächtig ein Kreuz und dominiert den Raum; groß, fast gewaltig zieht es sofort alle Blicke auf sich. Anders als die anderen Bilder ist es plakativ, in der Dimension wuchtig und in der Malweise flächig-abstrakt.
Dieses Kreuz scheint den Titel der Ausstellung zu konterkarieren, denn das römische Folter- und Mordinstrument gehört in keine Vorstellung vom Paradies. Es fällt aus dem Rahmen – inhaltlich und künstlerisch.

Katrin Hattenhauer hat es extra für die Zionskirche gemalt und im Schweiße ihres und einiger anderer Angesichter in einer Nachtaktion aufgehängt. Nun hängt es auf Wunsch der Gemeinde noch lange nach der Finissage da, und alle, die vor diesem Kreuz stehen, von Kitakindern bis zu Touristen, sind überwältigt.

Mit diesem Kreuz gibt Katrin Hattenhauer einen Einblick in ihre persönliche Geschichte. Einst trug sie ein plakatives Transparent und wurde inhaftiert. Der Satz „Ich habe keine Angst“ auf dem rechten Querbalken verrät, dass es eine Situation zum Fürchten war. Eine Situation, in der die bange Frage aufkommt, wer mir beisteht, auf wen ich mich verlassen kann. Und so ist dieses Kreuz ein starkes Bekenntnis zu dem, der am Kreuz starb.

Katrin Hattenhauer nennt es „Triumphkreuz“; ein Kreuz, welches den Sieg symbolisiert. Sie stellt sich damit in die theologische Tradition des Evangelisten Johannes, der die Kreuzigung Jesu nicht als Scheitern begreift, sondern als Erhöhung Jesu. Die letzten Worte des sterbenden Jesus im Johannesevanglium „Es ist vollbracht“ sind eine Osterbotschaft. Künstlerisch greift sie die Kreuzesdarstellungen des frühen Mittelalters auf: kein leidender Jesus, sondern ein gekrönter Christus kündet vom Sieg über Tod und Sünde.

Dieses siegesgewisse Triumphkreuz könnte einem Angst machen, wenn da nicht das durch die Hängung der einzelnen Elemente bedingte Fragile und Fragmentarische wäre, das den Blick zulässt auf das dahinterstehende schlichte Holzkreuz, und durchlässig ist für die ängstlichen Bitten und Gebete des zum Kreuz blickenden Menschen. Das Unvollkommmene des Kreuzes lässt den Betrachter in seiner Unvollkommenheit gelten, und der Satz „Ich habe keine Angst“ schüchtert nicht ein, wie ein unerreichbares Vorbild, sondern ermutigt trotz aller Angst zum Leben.

In der großen und langen Geschichte Gottes mit den Menschen steht eben doch ein Kreuz im Paradies. Den paradiesischen Momenten unseres Lebens wohnt die Erfahrung von Leid und Schuld inne, gehören die Schmerzen geschlagener Wunden. Oder wie Katrin Hattenhauer es selber sagt: „Die Fröhlichkeit in meinen Bildern ist hart erarbeitet.“ Auch der Glücksmoment des Mauerfalls vor 20 Jahren wäre ohne die oft jahrelangen Angstund Leiderfahrungen mutiger Menschen in Leipzig, in der Zionskirche und an anderen Orten des Widerstandes nicht möglich gewesen.
Der Blick auf das Triumphkreuz von Katrin Hattenhauer lehrt mich dies.